Theater spielen als Eltern? Skandal oder geniale Überlebensstrategie?
„Sei einfach authentisch!“ – diesen Rat bekommt man als Eltern ständig zu hören. Aber mal ehrlich: Wer hat schon Lust darauf, seinem Dreijährigen um 6 Uhr morgens authentisch zu erklären, dass Mama eigentlich lieber noch drei Stunden im Bett liegen würde? Manchmal ist es völlig in Ordnung, die Elternrolle bewusst spielen zu dürfen – und das hat nichts mit Unehrlichkeit zu tun.
Warum „einfach authentisch sein“ manchmal der schlechteste Ratschlag ist
Stell dir vor, du würdest deinem Kind jeden Morgen die absolute Wahrheit sagen: „Schatz, Mama ist müde, genervt und hätte eigentlich keine Lust auf Frühstück machen.“ Nach einer Woche hättest du entweder ein traumatisiertes Kind oder einen kleinen Philosophen, der anfängt, an der Existenz der Elternliebe zu zweifeln. Die Wahrheit ist: Kinder brauchen Stabilität, Sicherheit und das Gefühl, dass ihre Eltern die Situation im Griff haben – auch wenn das manchmal bedeutet, dass wir eine Rolle spielen müssen.
Das große Missverständnis um Authentizität
Authentizität in der Erziehung bedeutet nicht, dass du deinem Fünfjährigen deine Ehekrise erklären musst oder ihm deine Existenzängste mitteilst. Authentisch zu sein heißt vielmehr, ehrlich in deiner Liebe zu sein, auch wenn du die Art, wie du diese Liebe zeigst, manchmal der Situation anpasst. Wenn du müde bist und trotzdem ein Lächeln aufsetzt, um deinem Kind zu helfen, dann ist das nicht unecht – das ist Liebe in Aktion.
Praxis-Tipp für entspannte Eltern (die auch nur Menschen sind)
- Erkenne den Unterschied: Deine Gefühle sind echt, aber die Art, wie du sie zeigst, darf situationsangepasst sein
- Frag dich: „Was braucht mein Kind gerade?“ statt „Was fühle ich gerade?“
- Erlaube dir, manchmal die „gute Laune Mama“ oder den „geduldigen Papa“ zu spielen – das ist ein Akt der Liebe
Die Wissenschaft hinter dem bewussten Rollenwechsel
Überraschung: Psychologen wissen schon lange, dass das bewusste Spielen von Rollen nicht nur völlig normal, sondern sogar gesund ist. Wir alle haben verschiedene Rollen im Leben – mal sind wir der verständnisvolle Freund, mal der professionelle Kollege, mal der liebevolle Partner. Warum sollte die Elternrolle bewusst spielen da eine Ausnahme sein?
Emotionale Regulierung: Wenn Schauspielen zur Superkraft wird
Kinder lernen emotionale Regulierung hauptsächlich durch Nachahmung. Wenn du es schaffst, in stressigen Situationen ruhig zu bleiben (auch wenn du innerlich kochst), gibst du deinem Kind ein wertvolles Werkzeug mit. Das bedeutet nicht, dass du deine Gefühle unterdrückst – du managst sie nur bewusst. Die Frage nach angemessener emotionaler Offenheit beschäftigt Eltern zu Recht – die Antwort liegt meist in der Balance.
Das Konzept der „guten genug“-Eltern
Der Psychoanalytiker Donald Winnicott prägte den Begriff der „good enough mother“ – auf deutsch: die „gut genug“-Mutter. Seine Erkenntnis: Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern Eltern, die „gut genug“ sind. Das schließt ausdrücklich ein, dass Eltern manchmal eine Rolle spielen, um ihren Kindern Sicherheit zu geben. Du musst nicht jeden Tag authentisch schlecht gelaunt sein, nur um ehrlich zu sein.
Wusstest du schon? (Fakten die beruhigen)
Studien zeigen: Kinder von Eltern, die ihre Emotionen bewusst regulieren, entwickeln bessere soziale Fähigkeiten. Das bedeutet nicht emotionale Unterdrückung, sondern bewusstes Management – genau wie Schauspieler, die ihre Rolle perfekt beherrschen, aber dabei ihre eigene Persönlichkeit nicht verlieren.
Warum „immer ehrlich“ manchmal unehrlich ist
Hier wird es paradox: Manchmal ist es unehrlicher, „authentisch“ zu sein, als eine Rolle zu spielen. Wenn du deinem Kind in einem schwierigen Moment zeigst, dass alles unter Kontrolle ist (obwohl du dich überfordert fühlst), dann schützt du es vor Ängsten, die es noch nicht verarbeiten kann. Du lügst nicht – du managst die Information altersgerecht. Wie ein Roboter mit echten Gefühlen findest du den perfekten Mittelweg zwischen Authentizität und bewusstem Handeln.
Praktische Schauspiel-Techniken für den Familienalltag
Jetzt wird es konkret: Wie genau funktioniert das mit der bewusst gespielten Elternrolle? Die gute Nachricht ist, dass du wahrscheinlich schon viel mehr „Theater“ spielst, als dir bewusst ist – und das ist völlig in Ordnung!
Die „Ich-hab-alles-im-Griff“-Performance
Kennst du das? Junior fragt zum dritten Mal, wo sein Lieblingsteddy ist, während du gleichzeitig das Abendessen kochst, auf den Papa wartest und innerlich schon den Nervenzusammenbruch planst. Aber statt auszuflippen, atmest du tief durch und sagst mit ruhiger Stimme: „Lass uns gemeinsam suchen, Schatz.“ Das ist keine Unehrlichkeit – das ist Professionalität auf Eltern-Niveau.
Schritt-für-Schritt: Die Notfall-Ruhe-Rolle
- Tief durchatmen (auch wenn es sich anfühlt wie eine Notfall-Beatmung)
- Stimme bewusst eine Oktave tiefer sprechen (wirkt automatisch beruhigender)
- Langsamer sprechen, als du dich fühlst (gibt dir Zeit zum Denken)
- Körpersprache entspannen – auch wenn dein Hirn Alarm schlägt
- Dem Kind signalisieren: „Ich hab das im Griff“ (auch wenn du es gerade erst lernst)
Die „Begeisterte-Mama-beim-Kinderkonzert“-Rolle
Seien wir ehrlich: Nicht jedes Xylophon-Solo deines Vierjährigen ist ein musikalisches Meisterwerk. Aber wenn du mit strahlenden Augen applaudierst und sagst: „Das war wunderschön!“, dann machst du etwas Magisches – du gibst deinem Kind das Gefühl, wertvoll und talentiert zu sein. Das ist nicht gelogen, das ist elterliche Magie in Reinform.
Der „Papa-weiß-alles“-Auftritt
„Papa, warum ist der Himmel blau?“ – und du hast ehrlich gesagt keine Ahnung. Aber statt zu sagen „Weiß ich nicht“, aktivierst du deine Forscher-Rolle: „Das ist eine super Frage! Lass uns das gemeinsam herausfinden!“ Du spielst den wissbegierigen Erwachsenen, der mit seinem Kind auf Entdeckungsreise geht. Manchmal zeigen sogar nachdenkliche Radiergummis, wie wertvoll es ist, über Fehler und neue Versuche zu reflektieren.
Die wichtigsten Eltern-Rollen im Überblick
- Der „Alles-wird-gut“-Tröster (auch wenn du dir selbst nicht sicher bist)
- Die „Ich-glaub-an-dich“-Cheerleaderin (besonders bei Hausaufgaben-Drama)
- Der „Lass-uns-das-schaffen“-Motivator (wenn alle am Ende ihrer Kräfte sind)
- Die „Du-bist-der-Beste“-Unterstützerin (auch beim 47. Bild vom gleichen Dinosaurier)
Grenzen des Rollenspiels: Wann Authentizität doch wichtig ist
Natürlich gibt es Momente, wo echte Gefühle gezeigt werden sollten. Wenn Oma gestorben ist, darfst du traurig sein. Wenn du dich über etwas freust, darfst du jubeln. Die richtige Balance zwischen Ehrlichkeit und Schutz zu finden, ist eine Kunst – aber eine erlernbare.
Häufige Fragen zum bewussten Eltern-Theater
„Aber ist das nicht manipulativ?“
Nein, es ist liebevoll! Manipulation bedeutet, andere zu schädigen oder für eigene Zwecke zu benutzen. Wenn du die Elternrolle bewusst spielst, um deinem Kind Sicherheit, Vertrauen und Liebe zu vermitteln, dann ist das das Gegenteil von Manipulation – das ist Fürsorge auf höchstem Niveau.
„Merken Kinder nicht, wenn man schauspielert?“
Kinder sind tatsächlich sehr sensibel für Authentizität – aber sie spüren vor allem, ob die Liebe echt ist. Wenn du müde bist und trotzdem geduldig mit ihnen spielst, spüren sie nicht deine Müdigkeit, sondern deine Bereitschaft, für sie da zu sein. Das ist der Unterschied zwischen oberflächlichem Schauspiel und liebevollem Rollenwechsel.
„Wie erkläre ich das meinem Partner?“
Einfach: „Schatz, wir sind ein Team. Manchmal spielen wir die Rollen, die unsere Kinder gerade brauchen – nicht weil wir falsch sind, sondern weil wir sie lieben.“ Die meisten Partner werden erleichtert sein zu hören, dass sie nicht immer perfekt authentisch sein müssen.
Das Wichtigste auf einen Blick (für Eltern die schon genug Stress haben)
- Die Elternrolle bewusst zu spielen ist ein Akt der Liebe, nicht der Unehrlichkeit
- Kinder brauchen Stabilität mehr als brutale Ehrlichkeit
- Du darfst verschiedene Rollen haben – Mensch sein und Eltern sein schließen sich nicht aus
- Perfektion ist nicht das Ziel – „gut genug“ reicht völlig aus
- Authentisch zu sein bedeutet nicht, ungefiltert zu sein
Fazit: Vorhang auf für entspannte Eltern!
Die beste Nachricht zum Schluss: Du machst schon alles richtig! Wenn du manchmal eine Rolle spielst, um deinem Kind zu helfen, dann bist du nicht unecht – du bist ein liebevoller Elternteil, der seine Verantwortung ernst nimmt. Mut zur Authentizität bedeutet auch den Mut zu haben, manchmal nicht hundertprozentig authentisch zu sein – wenn es dem Wohl der Familie dient.
Also leg die Messlatte ruhiger und feiere dich für all die kleinen Schauspiel-Momente, die du jeden Tag für deine Familie leistest. Du bist nicht nur Mama oder Papa – du bist Tröster, Motivator, Cheerleader und Zauberer in einer Person. Und das ist völlig in Ordnung so!
Dein nächster Schritt (ohne Druck, versprochen!)
Probiere diese Woche bewusst eine „Rolle“ aus, die dein Kind gerade braucht. Vielleicht die geduldige Hausaufgaben-Begleiterin oder den begeisterten Zuhörer bei der 17. Geschichte über Dinosaurier. Du wirst überrascht sein, wie natürlich sich das anfühlen kann – und wie dankbar dein Kind reagiert.